Unterwegs mit meinem Bruder – bin ich dumm?

Dass mein Bruder viele Dinge weiß und diese auch (für mich manchmal zu hochgestochen) vom Stapel lässt, damit kann ich mittlerweile umgehen. Doch der Abend, an dem wir zusammen unseren 29. Geburtstag nachfeierten, war zu viel für mein Selbstwertgefühl. Denn, obwohl schon groß geworden, steht er noch auch wackeligen Beinen.
Er, seine Freundin und ich waren zu Besuch bei zwei guten Freunden von ihnen. Sie unterhielten sich über Themen, mit denen ich so gut wie keine Berührungspunkte habe, mit so vielen Worten besprochen, von denen ich einige nicht kannte & verstand, sodass mir die ganze Situation unangenehm war.
Ich lachte an falschen Stellen. Ich fragte nach, was einige Worte bedeuten, damit ich den Sinn eines Satzes oder eines Standpunktes verstand. So fühlt es sich also an:

Sich fehl am Platz fühlen – und etwas dumm.

Nach dem für mich eh schon unangenehmes Treffen ging es auf eine Studentenparty , verschleiert unter dem Motto „Buchtauschparty!“. Mega fancy & sassy, intellektuelle Studenten eben. Ich vergaß vor Aufregung mein Buch, was ich mitbringen wollte. „Es ist nicht schlimm“ – einen komischen Blick erhaschte ich trotzdem.

Als wir in die Studenten-WG eintraten, war sie so, wie man es auf Pinterest oder Instagram findet: eine typische Studi-Bude. Eine großzügige Altbauwohnung. Im Flur eine eingebaute Kletterwand. Ein Tischchen mit Fernseher und angeschlossener N64. Eine schniecke, zusammengewürfelte, Insta-fähige Küche, ein cooler Balkon. Holzfußboden überall. Schön gestaltete Zimmer der jeweiligen Bewohner dieser Wohnung. Das war für mich überwältigend. Im positiven wie im negativen. Mein Unwohlsein steigerte sich ins nahezu Unermessliche. Und nein, ich übertreibe nicht. Ich fühlte mich einfach extrem fehl am Platz.
Diese Menschen hier sind für mich zu cool, zu kultiviert, zu intellektuell, zu offen, zu selbst reflektiert, zu sehr alles besser als ich. Mein Selbstwertgefühl erlitt an diesem Abend einen gehörigen Knicks. Ich bin nicht für diesen Teil der Gesellschaft gemacht.

Ich ging an diesem Abend früher. Was auch besser für mich war. Es war einfach nur anstrengend, aufpassen zu müssen, dass ich mich anders gab als ich bin. Dieser Abend zeigte mir auch:

Mein Bruder und ich sind zwar Zwillinge, uns trennen aber trotzdem Welten. Einige Gemeinsamkeiten verbinden uns, klar. Aber währen wir nicht verwandt, wären wir bestenfalls Bekannte. Unsere Arten zu Leben und die Erwartungen an das eigene Sein sind zu verschieden. Das habe ich an diesem Abend gelernt.